Romansh

Allegra! Rumantsch, die vierte Sprache der Schweiz, im Fokus

Die vierte Landessprache der Schweiz ist für die Welt – und sogar für viele Schweizerinnen und Schweizer – noch immer weitgehend unbekannt. Da sie nur in Graubünden gesprochen wird, bekommt die restliche Schweiz sie kaum je zu hören. Sie ist jedoch Teil der Schweizer Identität und hat den Status einer Landes- und Amtssprache. Heute scheint dieses Kulturgut bedroht. Rätoromanisch wird trotz Fördermassnahmen immer weniger gesprochen und zunehmend vom Schweizerdeutschen verdrängt.

In einer Erhebung des Bundesamt für Statistik von 2013 gaben 0,5% der Schweizer Bevölkerung Romanisch als eine ihrer Hauptsprachen an; 1910 waren es noch 1,1%. Damit hat sich der Anteil der Romanischsprechenden im Verlauf eines Jahrhunderts halbiert. Vor allem in zwei Teilen Graubündens ist das Romanische jedoch weiterhin lebendig: in der Surselva und im Unterengadin. Die Romanischsprachigen zeichnen sich durch Zweisprachigkeit aus, alle beherrschen auch eine zweite Landessprache. Bemerkenswert ist auch, dass Graubünden als einziger Schweizer Kanton drei Amtssprachen hat: Deutsch, Romanisch und Italienisch.

Zuoz/Oberengadin © Joachim Kohler Bremen

Doch woher kommt das Romanische? Es ist eine lateinische Sprache wie Italienisch, Französisch oder Katalanisch. Die Römer eroberten 15 v. Chr. die Provinz Rhätien, die dem heutigen Gebiet Graubündens entsprach. «Rumantsch» ging aus der von Soldaten und Siedlern gesprochenen Mundart vermischt mit der Sprache der Einheimischen hervor. Bis ins 15. Jahrhundert wurde es von der Mehrheit der Bevölkerung in Graubünden gesprochen. Zu jener Zeit kam die Stadt Chur unter alemannischen Einfluss, und das Deutsche wurde zur Verwaltungssprache. Die Konkurrenz zwischen germanischer und lateinischer Sprache ist in dieser Region also nichts Neues!

Rumantsch: eine Standardsprache, mehrere Dialekte

Wie das Schweizerdeutsche ist auch die vierte Landessprache keine Einheitssprache. Die Leute sprechen verschiedene Dialekte und verstehen einander. Die meisten Linguistinnen und Linguisten unterteilen das Romanische in fünf hauptsächlich gesprochene Dialekte: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Putér und Vallader. Diese Vielfalt beruht auf der starken Aufsplitterung der Gemeinschaften in einer Region, die für ihre 150 Täler bekannt ist. Es bildete sich kein kulturelles Zentrum heraus, und die fünf offiziellen Dialekte gelten als gleichwertig.

Parc National Suisse

Die Vielfalt wurde jedoch zum Problem, als das Romanische zu einer Amtssprache wurde. Damit es in der Verwaltung eingesetzt werden konnte, brauchte es eine gemeinsame Schriftsprache. So wurde 1982 von Professor Heinrich Schmid das «Rumantsch Grischun» geschaffen. Seither leisten die Romanischsprachigen, die an ihrem Dialekt hängen, Widerstand gegen die Standardsprache.

Anerkennung als Amtssprache

Im 19. Jahrhundert förderte der Kanton Graubünden die Germanisierung der Romanen. Dies stiess bei den Betroffenen auf Widerstand. Sie begannen, sich für ihre Sprache zu wehren, und gründeten 1919 die «Lia Rumantscha», die romanische Liga.

Passeport suisse

Nach langem Kampf wurde Rätoromanisch 1938 zur vierten Landessprache der Schweiz. 91,6% der Schweizer stimmten für den entsprechenden Verfassungsartikel! 1996 erhielt das Romanische den Status als Amtssprache, womit garantiert ist, dass die Romanischsprachigen es im Verkehr mit der Verwaltung verwenden können. Es kommt jedoch nur beschränkt zum Einsatz, und die amtlichen Texte werden nicht systematisch übersetzt. Die Verwaltung antwortet jedoch in «Rumantsch Grischun», wenn sich eine romanischsprachige Person in ihrem Dialekt an sie wendet.

Rumantsch, eine lebendige Sprache!

Dem Rätoromanischen fehlt es an Sichtbarkeit auf nationaler Ebene. Es wird nur an wenigen Universitäten gelehrt: in Freiburg, Genf und Zürich. Im 20. Jahrhundert haben Industrialisierung und Tourismus in Graubünden zur Verbreitung des Schweizerdeutschen auf Kosten des Rätoromanischen beigetragen. Trotz allem wird Rumantsch immer noch von rund 60 000 Personen gesprochen und hat sein eigenes, öffentlich-rechtliches Medium, die «Radiotelevisiun Svizra Rumantscha». Ihre Sendungen werden auf dem Deutschschweizer Kanal verbreitet und sind auch online verfügbar.

Radiotelevisiun Svizra Rumantscha
© Radiotelevisiun Svizra Rumantscha

Unterstützungsmassnahmen werden von der Lia Rumantscha koordiniert, die sich für die Förderung des Rätoromanischen einsetzt. Sie wird grösstenteils vom Bund und vom Kanton Graubünden finanziert. So wurden etwa Romanischkurse für Portugiesischsprachige angeboten, um deren Integration in Graubünden und gleichzeitig das Romanische zu fördern. Die Office-Suite von Microsoft wurde 2006 übersetzt, damit Romanischsprachige für ihre Texte das Rechtschreibprogramm basierend auf Rumantsch Grischun nutzen können. Es gibt auch Schriftsteller, Sängerinnen und Rapper, die Werke in ihrem Dialekt schaffen. Schliesslich ist es jeder Bündner Gemeinde freigestellt, welche Sprache sie zur Amtssprache und zur Schulsprache bestimmen will. Manche Schulen bieten ihren Schülerinnen und Schülern zweisprachigen Unterricht.

Weitreichende Wurzeln

Das Schicksal des Rätoromanischen wird nicht allein in Graubünden entschieden. Viele Romanischsprachige verlassen ihren Heimatkanton für ihr Studium oder aus beruflichen Gründen. 38% von ihnen leben heute ausserhalb des Kantons. Die Diaspora ist vor allem in Zürich, der nächsten Universitätsstadt, gut verankert, wo sich rund tausend Personen romanischer Muttersprache niedergelassen haben.

Chasa Rumantscha
Chasa Rumantscha © Mattias Nutt/Lia Rumantscha

Die entscheidende Frage lautet: Behalten diese «Ausgewanderten» ihre Heimatsprache bei oder nicht? Da viele an ihrer Kultur hängen, sind spezielle Initiativen entstanden wie etwa eine romanische Kinderkrippe in Zürich oder Kurse für Kinder, die vom Verein Quarta Lingua in Zürich und Basel organisiert werden. Ein Ansatz, um die Weitergabe an die nächste Generation und damit das Überleben der Sprache zu sichern.

Rätoromanisches Gedicht: Sper via

Sper via

Sper via, Gian Fontana, 1897 - 1935
Gian Fontana, 1897 - 1935

Leave a comment