Rote Weintraube der Sorte Divico

Schweizer Weinbau: «Null-Behandlung» ist das Ziel

Seit fünfzig Jahren züchtet Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, neue Rebsorten. Es verfolgt ehrgeizige Ziele, namentlich bei der Krankheitsresistenz der Pflanzen. Dank neuer Generationen resistenter Rebsorten können heute Krankheitsfolgen und Pflanzenschutzbehandlungen schrittweise verringert werden.

Pilzerkrankungen – eine grosse Herausforderung für den Weinbau

Für die Schweizer Winzer ist der Befallsdruck durch Pilzkrankheiten sehr hoch. Weit verbreitet sind namentlich der Echte und der Falsche Mehltau. Sowohl im herkömmlichen als auch im biologischen Weinbau ist auch heute noch ein mehrmaliger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erforderlich. Die Forschungsgruppe Weinbau von Agroscope ist bestrebt, resistente Rebsorten zu züchten, bei denen vollständig auf Behandlungen verzichtet werden kann.

Jean-Laurent Spring, Forschungsgruppe Weinbau, und Katia Gindro, Forschungsgruppe

Der Forschungsleiter Jean-Laurent Spring sagt: «Mit den heutigen Selektionstechnologien liegt das Ziel einer Null-Behandlung in Reichweite. Seit 1965 arbeiten wir an der Züchtung neuer Rebsorten mit einer hohen Resistenz gegen Graufäule (Botrytis cinerea). Acht neue Rebsorten wurden bereits entwickelt und stehen seit 1990 für den Anbau zur Verfügung. Die bekanntesten Sorten sind Gamaret, Garanoir und Diolinoir. Dank ihres guten önologischen Potenzials und ihrer Anpassungsfähigkeit an verschiedene Standorte wird diese neue Generation bereits auf über 900 Hektaren angebaut.

Agroscope vineyards in Leytron in the Valais
Reben von Agroscope in Leytron (VS). © Agroscope, Carole Parodi

Resistent gegenüber drei Krankheiten: Divico & Co.

Seit 1996 züchtet Agroscope Rebsorten, die sowohl gegen den Falschen Mehltau (Plasmopara viticola) als auch gegen den Echten Mehltau (Erysiphe necator) resistent sind. In einem ersten Schritt wurde die Rebsorte Gamaret, die äusserst Graufäule-resistent ist, mit verschiedenen Rebsorten gekreuzt, die Resistenzgene von wilden Rebsorten aus Amerika und Asien tragen.

Um die Züchtung rascher und zuverlässiger zu gestalten, entwickelte die Forschungsgruppe Mykologie am Agroscope eine Methode, die Früherkennungstests mit biochemischen Resistenzmarkern umfasst. Katia Gindro, Forschungsgruppenleiterin Mykologie und Biotechnologie, erklärt: «Wir analysieren im Labor die Blätter von jungen Pflanzen, um Substanzen zu erkennen, die die Rebe im Rahmen der natürlichen Abwehrreaktion produziert. Es handelt sich um Verbindungen der Pflanzengattung der Stilbene, die eine starke fungizide Wirkung besitzen. Wir züchten so schneller und effizienter Kandidaten mit einer hohen Resistenz.» Dank dieser einzigartigen Methode konnte 2013 die erste rote Traubensorte auf den Markt gebracht werden. Divico ist äusserst resistent gegen Echten und Falschen Mehltau sowie gegen Graufäule. Je nach Bedarf sind eine bis drei Behandlungen mit herkömmlichen oder für den biologischen Weinbau zugelassenen Pflanzenschutzmitteln ausreichend. Aufgrund des hohen Qualitätspotenzials stiess die Sorte im Schweizer Weinbau auf reges Interesse. Ihr Wein wird von den Konsumentinnen und Konsumenten sehr geschätzt. Eine zweite, weisse Traubensorte (Divona) mit den gleichen Resistenzeigenschaften dürfte bald erhältlich sein.
 

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Weisse Weintraube Divona, neuste Rebsorte der Forschungsgruppen Weinbau und Mykologie von Agroscope. © Agroscope, Carole Parodi

Das Ziel «Null-Behandlungen»: ein französisch-schweizerisches Projekt

Seit zehn Jahren arbeitet Agroscope mit dem Institut national français de recherche agronomique (INRA) in Colmar an der Züchtung vollständig resistenter Sorten. «Ziel ist es, mehrere Resistenzgene gegen den Echten und den Falschen Mehltau in eine Rebsorte einzukreuzen», erklärt Jean-Laurent Spring. «Diese Gene stammen von wilden Rebsorten aus Amerika (Vitis rupestris und aestivalis) und Asien (Vitis amurensis) aus der Pflanzensammlung von Agroscope sowie von einer nordamerikanischen Art (Vitis rotundifolia) aus der INRA-Sammlung. Auf diese Weise können wir Rebsorten mit stabilen und praktisch vollständigen Resistenzen erreichen.» Für eine erste Auswahl von rund 15 besonders vielversprechenden Kandidaten laufen Versuche für die Zulassung in Frankreich und in der Schweiz. Die Markteinführung erster Rebsorten, bei denen vollständig auf den Einsatz von Fungiziden verzichtet werden kann, wird in acht bis zehn Jahren erwartet.
 

Grapevine seedlings in vitro
In-vitro-Rebkeimling. © Agroscope, Carole Parodi

15 bis 20 Jahre für eine neue Rebsorte

Bei der Züchtung einer neuen Rebsorte müssen viele Kriterien hinsichtlich der Pflanze und des Weins berücksichtigt werden. Beim Weinanbau werden die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, die Anpassung an das Klima, das Wachstum des Rebstocks und schliesslich die Produktion genau geprüft und evaluiert. Ziel ist es, die Kandidaten mit den meisten Qualitäten auszuwählen. Gleichzeitig wird auch das Potenzial der Rebe untersucht, das heisst ihre Weinqualitäten. Darunter fallen die Analyse des Gehalts der unterschiedlichen Substanzen (Zucker, Tanin usw.), Versuche bezüglich Weinbereitung und schliesslich Tests zur geschmacklichen Qualität des Weins. Der Auswahlprozess ist lang: Von der ersten Kreuzung bis zur offiziellen Zulassung können 15 bis 20 Jahre verstreichen. Im Fall der Rebsorte Divico fand die Bestäubung im Jahr 1997 statt. Darauf folgten verschiedene Etappen: Ernte der Traubenkerne, Samenkeimung, Resistenztests, Kontrolle agronomischer Faktoren, Vinifikationsversuche, önologische Tests usw. Die offizielle Anerkennung der Sorte in der Schweiz erfolgte erst 2013, also 16 Jahre später. Divico hat in der Schweiz Erfolg und stösst auch im Ausland (Belgien, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland) auf reges Interesse, wo ein bedeutendes Wachstumspotenzial besteht.
 

Agroscope vineyards on the Changins agronomic research site in Vaud
Reben von Agroscope im agronomischen Forschungszentrum Changins (VD). © Agroscope, Carole Parodi