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Walter Boveri – Industriepionier und Start-up-Gründer auf der grünen Wiese

Um 1890 - Das grosse Zeitalter der Elektrotechnik hatte soeben begonnen und Walter Boveri, Maschinenbauingenieur mit visionärem Blick, wusste: Die energiehungrige Moderne, die boomenden Städte und die Fabriken brauchten Strom ohne Ende – und er war der Mann, der ihn liefern konnte. Mit der Gründung der Brown Boveri & Cie. im ländlichen Baden brachte er die Schweizer Industrie um einen gewaltigen Schritt nach vorn.

Tagsüber arbeitete der junge Mann aus Deutschland als Leiter der Abteilung Montage in der Maschinenfabrik Oerlikon bei Zürich.  Aber abends und an den Wochenenden plante er die Gründung seiner eigenen Firma. Walter Boveri (1865-1924) aus Bamberg, ausgebildet an der königlichen Maschinenbauschule in Nürnberg, wusste: Die Elektrifizierung von Privathaushalten, von Industrie und Verkehr, das war die Zukunft. Seine neue Fabrik sollte deshalb alles liefern, was zur Erzeugung und Verteilung von Strom nötig war, auch über weite Distanzen: Generatoren, Transformatoren, Turbinen, Stromleitungen, Schaltanlagen.

Maschinenbauingenieur, Elektrotechniker, Unternehmer. Walter Boveri (Porträt: um 1900) erhielt 1893 das Schweizer Bürgerrecht.

Das Genie und der Kaufmann

Boveri träumte diesen Traum nicht allein: Als Kompagnon fasste er seinen nur zwei Jahre älteren Vorgesetzten in Oerlikon ins Auge – den genialen Elektrotechniker und Konstrukteur Charles E. L. Brown. Boveri und Brown ergänzten sich perfekt, der eine als ökonomischer, der andere als kreativer Kopf. Oder in den Worten von Walter Boveri junior, geboren 1894 und später selber BBC-Firmenchef:

Wo Charles Brown die konstruktive Entwicklung der einzelnen Maschinen vor seinem geistigen Auge erstehen sah, da erblickte mein Vater die Möglichkeiten ihrer Anwendung im Dienste der menschlichen Gesellschaft.

Die Ideen der beiden sprudelten nur so, das Knowhow war da, allein das Geld fehlte, genauer: Das Start-Up benötigte eine halbe Million Schweizer Franken. Boveri schickte Briefe an Bankiers in ganz Europa, kassierte aber bloss reihenweise Absagen. Doch 1890 begegnete er dem Zürcher Seidenindustriellen Conrad Baumann. Dieser hatte erstens sehr viel Geld, zweitens Sympathien für die Jungunternehmer und drittens eine fünfundzwanzigjährige, noch unverheiratete Tochter. Boveri verlobte sich mit Victoire, heiratete sie und bekam die benötigte Summe vom Schwiegervater überschrieben. Was für eine Geschichte: Ein sterbender Gewerbezweig, die Seidenfabrikation, ebnet den Weg in eine strahlende technologische Zukunft! 

This image shows the entire staff of the company in 1895 celebrating the production of the thousandth dynamo.
Firmenstolz.  Hier zeigt sich die gesamte Belegschaft aus dem Jahr 1895, um die Auslieferung des tausendsten Dynamos zu feiern. © Historisches Archiv ABB Schweiz

Provinz unter Strom

Als nächstes suchte Boveri nach einem geeigneten Standort. Im ländlichen Baden wurde er fündig – Land und Arbeiter waren hier günstiger zu haben als in den aufstrebenden städtischen Industriezentren. Die Werkhallen standen noch im Rohbau, da füllten sich bereits die Auftragsbücher. Am 2. Oktober 1891 erfolgte der Eintrag ins aargauische Handelsregister – als Brown, Boveri & Cie. Kommanditgesellschaft. Vier Monate später wurde der Betrieb mit 100 Fabrikarbeitern und 24 Büroangestellten aufgenommen. In der Folge wurden direkt vor  der eigenen Firmen-Haustür Gewerbebetriebe, private Haushalte und Kurhotels ans Stromnetz angeschlossen: Baden begann zu leuchten und zu brummen.

BBC and ‘its’ city Baden, a story of reciprocity from the economic, social, and town planning perspectives.
Stadt in der Stadt. Die BBC und „ihre“ Stadt Baden, eine Entwicklung, die sich gegenseitig bedingt – wirtschaftlich, sozial, stadtplanerisch. © Historisches Archiv ABB Schweiz

Zeitenwende

Der Rest ist Industriegeschichte. Kaum ein anderer Firmenname wird so sehr mit dem Werkplatz Schweiz verbunden wie die BBC. Aus der Keimzelle im ländlichen Baden entwickelte sich ein stetig expandierender Industrie-Gigant, der weltweit enormes Ansehen genoss.

Als sich in den 1980er-Jahren das Ende des grossen Maschinenbauzeitalters abzuzeichnen begann, wurde eine Neuausrichtung hin zu Automation und Digitalisierung überlebenswichtig: Die BBC fusionierte mit dem schwedischen Elektrotechnik-Unternehmen Asea zum neuen Konzern ABB. Eine neue Ära begann. Doch der Pioniergeist aus Boveris Epoche lebt weiter. Unter dem Motto „Let’s write the future“ stellt sich das Unternehmen den Herausforderungen der vierten industriellen Revolution.

 

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