sarah marquis

Sarah Marquis – stets unterwegs

Bücher, Vorträge und natürlich Expeditionen: Dies ist die Welt der Schweizer Abenteurerin Sarah Marquis. Wir hatten Gelegenheit, sie zu treffen, bevor sie zu neuen Abenteuern aufbricht.

Wie sieht eine Abenteurerin aus? Sarah Marquis ist eine elegante Frau mit starker Ausstrahlung, die einen mit Küssen auf die Wange begrüsst. Sie trägt einen blauen Blazer und hat lockig fallendes Haar. Es ist schwierig, sich diese Frau mit einem schwer beladenen Rucksack irgendwo in der Wildnis vorzustellen. Während sie ihren Orangensaft trinkt, denkt man unweigerlich daran, dass sie manchmal Insekten essen muss, um den Hunger zu stillen, oder im Sand verzweifelt nach Wasser gräbt. Es ist nicht von ungefähr, dass die heute 45-jährige Schweizerin von der namhaften National Geographic Society zur Abenteurerin des Jahres 2014 erkoren wurde.

portrait sarah marquis

Denn seit beinahe 25 Jahren ist Sarah Marquis zu Fuss unterwegs. Unterstützt wird sie von ihrer Familie – und zwar bedingungslos. «Meine Mutter ist mein grösster Fan», sagt sie lachend. Zählt man alle ihre Reisen zusammen, so kommt man auf eine Weltumrundung; je wilder die von ihr erkundeten Gebiete, desto besser. 2002 und 2003 legte sie im australischen Outback 14’000 Kilometer zurück; ihre Abenteuer erzählt sie im Buch L'aventurière des sables (2004*). 2006 überquerte sie die Anden von Chile bis zum Machu Picchu. Und 2010 machte sie sich auf zu einer dreijährigen Expedition durch Sibirien, die Mongolei und Thailand, bevor sie sich nach Australien einschiffte (Allein durch die Wildnis). 2015 folgten drei Überlebensmonate in der Wildnis Westaustraliens (Instinkt*).

Australie-Occidentale Sarah Marquis
Westaustralien, 2015. Am Abend isst Sarah Marquis Körner und Früchte, die sie in der Umgebung gesammelt hat.
© Krystle Wright

Dank ihrem Bekanntheitsgrad und den Vorbereitungen, die diese Reisen erfordern, gelang es ihr, ein kleines Unternehmen aufzubauen: Sie ist in den sozialen Netzwerken aktiv, so dass ihre Follower ihr auf ihren Abenteuern folgen können, und sie hat ein Team, das für ihren Nachschub sorgt. Unterstützt wird sie insbesondere von schweizerischen Sponsoren. «Sie haben mir geholfen, dorthin zu kommen, wo ich heute bin.» Als sie noch jünger war, arbeitete sie bei den SBB und lebte in einer winzig kleinen Wohnung in Lausanne, um jeden Rappen fürs Reisen zu sparen. Heute muss sie jedes ihrer Projekte der National Geographic Society in Washington DC zur Genehmigung unterbreiten. Wenn sie nicht im Expeditionsmodus ist, hält sie rund um die Welt Vorträge über Themen wie Ernährung oder Laufen.

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© Sarah Marquis

Was treibt Sie an? «Ich war schon immer abenteuerlustig», erwidert sie und lacht. Sie wuchs auf dem Land auf, im jurassischen Montsevelier, wo sie Stunden damit verbrachte, die umliegende Natur zu erkunden. «Auf Bäume klettern, mich um die Tiere kümmern, das hat mich bis heute geprägt.» Sie ist hartnäckig und verliert ihre Ziele nie aus den Augen. «Ich folgte meinen Träumen. Wenn man mir nein sagt, werde ich nur noch starrköpfiger!» Aussergewöhnlich? Sie selber sieht sich nicht so. Aber sie ist sich bewusst, dass sie etwas zu sagen hat. Sie fühlt sich immer stärker verantwortlich, engagiert sich für ihre Mission, wie sie sie nennt. «Ich bin ein Bindeglied zwischen Natur und Mensch», unterstreicht sie.

sarah marquis
Sarah Marquis und «d'Joe» in der Schweiz. Dieser australische Hirtenhund wurde ihr Reisebegleiter. Während der Australienexpedition 2002 und 2003 marschierten sie zusammen Tausende von Kilometern.

Sie will die verloren gegangene Bindung zur Natur wieder herstellen, bevor es zu spät ist. Ihr letztes Buch La nature dans ma vie* liegt im Trend: ein farbenfrohes Potpourri im Instagram-Stil bestehend aus Ratschlägen (Yogastellungen und ungewöhnliche Tricks: warum Kniestrümpfe und Präservative auf einer Abenteuerreise nützlich sein können), Rezepten (darunter ihr bekannter Hulk Juice aus Ingwer und Gurken) und Worten zum Nachdenken. Aber die Ökologie ist mehr als nur eine Haltung. Sie spricht von Dringlichkeit und Selbstverständlichkeit. Sie lebt in einem entlegenen Winkel des Wallis, wenn sie von ihren Reisen zurückkehrt. Dort trennt sie ihren Abfall, macht Kompost, fährt mit Biogas und vertreibt die Verkäuferinnen des Supermarkts mit ihrer Kritik an importiertem Gemüse. Sie wünscht sich, dass die Schweizerinnen und Schweizer selber die Initiative ergreifen, bevor ihnen die Regierung sagt, was zu tun ist. «Wir denken, dass unsere Stimme nicht zählt. Aber eine einzige Stimme reicht, um einen Schmetterlingseffekt auszulösen!» Ein schelmisches Lachen huscht wieder über ihr Gesicht.

exploratrice suisse
© Sarah Marquis

Natürlich wird sie wieder aufbrechen. Und zwar im Dezember 2017 – eine Expedition in die Wälder Tasmaniens mit Nahrung für zehn Tage. Das muss reichen, bis sie einen Monat nach ihrer Abreise neuen Proviant erhält. «Ein unglaublich wildes Gebiet mit unberechenbarem Gelände», sagt sie begeistert. Noch einmal Australien, auch wenn sie eine Liste mit Gebieten hat, die sie noch erkunden möchte. «Madagaskar, die jemenitische Insel Sokotra, Afrika...» Vor Ort teilt sie ihre Beobachtungen über die Tier- und Pflanzenwelt mit dem CSIRO, der australischen Regierungsstelle für wissenschaftliche Forschung*. Rebelliert ihr Körper nicht nach so vielen Jahren? «Der Körper braucht mehr Zeit, um sich zu erholen. Aber ich habe immer auf meine Lebenshygiene geachtet. Wir sind schliesslich das, was wir unserem Körper geben. Aus dieser Disziplin entsteht die Freiheit. Das Leben ist so kurz, wir müssen jede Minute intelligent leben!»

Wie erklärt sie es sich, dass sich so viele Leute für sie interessieren? «Die Abenteurer wagen das Unbekannte. Wir träumen alle davon, unsere Komfortzone zu verlassen. Die Wildnis hatte schon immer eine grosse Anziehungskraft auf uns Menschen. Und gleichzeitig haben wir Angst vor der wilden Natur. Das ist schade.» Und sie, hat sie manchmal Angst? «Die Angst gehört zu meinem Alltag, sie ist eine Freundin, eine Beschützerin.» Aufgeben? «Niemals. Da lohnt es sich nicht einmal, einen Bruchteil einer Sekunde dafür zu verschwenden.» Alles klar, Sarah! Und gute Reise!

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