In Zusammenarbeit mit dem Landwirt Hans-Rudolf Mühlheim führt Agroscope in Schwadernau (Kanton Bern) Reisanbauversuche durch. © Kathrin Hartmann

Reis, Tofu und Süsskartoffeln: Die Schweizer Landwirtschaft geht neue Wege

Gehören Reis, Soja und Süsskartoffeln bald zu den Trendkulturen in der Schweizer Landwirtschaft? Diese aus Amerika und Asien stammenden Kulturen, die wegen ihrer Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel, ihren ernährungsphysiologischen Eigenschaften und als Diversifizierungsfaktor von den Landwirtinnen und Landwirten geschätzt werden, haben bereits in der Schweiz Fuss gefasst und ihr Anbau dürfte in den nächsten Jahren noch zunehmen.

Neue Ernährungsgewohnheiten, der Klimawandel und zunehmende Produktionsauflagen sind nur einige der Herausforderungen, mit denen die Schweizer Landwirtschaft in Zukunft konfrontiert sein wird. Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, geht deshalb der Frage nach, inwieweit sich Nahrungsmittel wie Reis, Tofu und Süsskartoffeln direkt in der Schweiz produzieren lassen.

Im Reisfeld in der Witi wurden 17 Libellenarten beobachtet. © Kathrin Hartmann

Bald Reisanbau in der Nordschweiz?

Der Reisanbau wird zwar in der Regel mit asiatischen Ländern wie Indien und China in Verbindung gebracht, er könnte aber auch in der Nordschweiz Realität werden. Reis wird bereits im Tessin angebaut, um die hohe Nachfrage nach inländischem Risottoreis zu decken. Seit 2017 führen Agroscope-Fachleute Anbauversuche in der Nordschweiz durch: Nach Pilotversuchen in der Schutzzone Grenchner Witi führte das Team in Zusammenarbeit mit dem Landwirt Hans-Rudolf Mühlheim Folgeversuche in Schwadernau im Kanton Bern durch. Im Gegensatz zum Trockenreisanbau im Tessin, bei dem die Felder nicht überflutet werden, wurde auf der Grenchner Witi und in Schwadernau mit Nassfeldbau experimentiert. Nach der Bodenbearbeitung wurden auf der Hälfte der Parzelle Reiskörner gesät. Anschliessend wurde die Fläche überflutet, und auf der anderen Hälfte der Parzelle wurden Reissetzlinge gepflanzt.

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Die Reisfelder bieten Lebensraum für bedrohte Tierarten wie den Laubfrosch.
© Kathrin Hartmann

 

«Die Ernte nach den Versuchen 2017 und 2018 war sehr erfreulich», sagt Projektleiter Thomas Walter. «Bei den Testversuchen wurden Erträge von vier bis sieben Tonnen pro ha erzielt, was einem beachtlichen wirtschaftlichen Potenzial entspricht», fügt er hinzu. Der Agroscope-Mitarbeiter weist jedoch darauf hin, dass weitere Versuche notwendig sind, um den Reisanbau optimal an das Schweizer Klima anzupassen und die ökologischen Auswirkungen weiter zu verbessern. Der Reisanbau auf Feuchtackerflächen ist nicht nur eine alternative Produktionsmöglichkeit mit hoher Wertschöpfung, die keine Behandlung mit chemischen Pflanzenschutzmitteln erfordert, sondern fördert auch die Biodiversität. Bei ihrer Arbeit in der Schutzzone Witi beobachteten die Projektmitglieder auch das Vorkommen bedrohter Tierarten wie Laubfrosch, Kreuzkröte und Bekassine, ein Vogel, der Feuchtwiesen und Sumpfland bewohnt. Ausserdem wurden im Reisfeld 17 Libellenarten nachgewiesen und zwei seltene Pflanzenarten beobachtet.

Tofu, eine alternative Proteinquelle

Weltweit werden jedes Jahr 340 Millionen Tonnen Sojabohnen produziert. Die Hülsenfrucht ist damit die weltweit wichtigste Öl- und Eiweisspflanze. Soja wird hauptsächlich in Form von Sojaschrot als Viehfutter verwendet. Nur ein kleiner Teil wird zu Lebensmitteln wie Sojaöl, Sojamilch und Tofu verarbeitet. Soja wird hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, Brasilien und Argentinien angebaut. Auch in der Schweiz wird Soja angebaut, die inländische Produktion deckt jedoch weniger als 1% des heimischen Bedarfs. «Bei unseren Forschungsarbeiten – die im Jahr 1981 ihren Anfang nahmen – ging es zunächst darum, Sorten zu entwickeln, die an das Schweizer Klima angepasst sind», erklärt Claude-Alain Bétrix, Forscher bei Agroscope. Bis heute wurden insgesamt rund 50 Sojasorten gezüchtet und der Landwirtschaft in der Schweiz und im europäischen Ausland zur Verfügung gestellt.

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Bei der Tofuherstellung wird die geronnene Sojamilch in Formen gefüllt und anschliessend gepresst.
© Agroscope, Carole Parodi

 

Im Qualitätslabor treiben Claude-Alain Bétrix und seine Mitarbeitenden die Tofuforschung weiter voran: «Dieses Labor ist wie eine Miniaturküche, in der wir mit hochpräzisen Analysegeräten Tofu nach klassischem Rezept herstellen.» Die Sojabohnen werden über Nacht in Wasser eingeweicht und zu einem Püree gemahlen, das anschliessend erhitzt und gefiltert wird. Diese Flüssigkeit wird mit einem Gerinnungsmittel vermischt. Der so entstandene Sojaquark wird entwässert und zu Blöcken gepresst: Tofu. Das Forschungsteam vergleicht anschliessend die Eigenschaften der aus verschiedenen Sojasorten hergestellten Tofus. Neben Kriterien wie Konsistenz und Farbe werden auch die Menge und die Qualität der im Tofu enthaltenen Proteine untersucht. Während eine Sojabohne im Schnitt 40% Protein enthält, erreichen die von Agroscope gezüchteten Sorten Protéix, Falbala und Protibus einen Proteinanteil von 45% bis 50%. Um den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten zu entsprechen, wurden auch Sorten mit einem verbesserten und weniger kräuterbetonten Geschmack entwickelt: Das leichte Haselnussaroma der Sorten Aveline und Amandine dürfte bei Feinschmeckern gut ankommen.

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Im Qualitätslabor werden verschiedene Eigenschaften des Tofus wie Konsistenz, Farbe und Proteingehalt analysiert.
© Agroscope, Carole Parodi

Süsskartoffel: Ein Exote fasst Fuss in unseren Breitengraden

«Die Idee, Anbauversuche mit Süsskartoffeln durchzuführen, hatte ich während eines Aufenthalts im Westen Frankreichs, wo Kleinbetriebe dieses Gemüse im Freilandanbau produzieren. Früher hätte ich nicht gedacht, dass es möglich wäre, diese Kulturpflanze in unseren Breitengraden anzubauen», erklärt Brice Dupuis, Forscher bei Agroscope. Anders als ihr Name vermuten lässt, ist die Süsskartoffel nicht mit der Kartoffel verwandt, sondern gehört zu der botanischen Familie der Windengewächse (Convolvulaceae). Dieses Gemüse wird hauptsächlich in Ländern mit tropischem Klima in Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien angebaut. Die Knolle, die wegen ihres leicht süsslichen Geschmacks geschätzt wird, kann gebraten, gebacken oder püriert werden, und die Blätter können wie Spinat zubereitet werden. Schliesslich steht die Süsskartoffel bei Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten auch aufgrund ihres Nähr- und Vitalstoffreichtums hoch im Kurs.

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Agroscope baut in der Genferseeregion versuchsweise Süsskartoffeln an.
© Agroscope, Carole Parodi

 

Wie die Anbauversuche von Brice Dupuis am Genfersee zeigen, ist die Süsskartoffelproduktion in der Schweiz möglich, wenn bestimmte Tipps befolgt werden. «Um die Pflanzen vor der Kälte zu schützen, haben wir verschiedene Verfahren getestet: das Aufbringen von Getreidemulch auf die Bodenoberfläche, die Abdeckung des Bodens unter den Jungpflanzen mit schwarzer, mikroperforierter Polyethylen-Folie und die Bedeckung der Pflanzen mit einer Schutzvlies», sagt der Agrarwissenschaftler. Mit diesen Anbautechniken wurden interessante Erträge mit Knollen von bis zu zwei Kilogramm erzielt. Damit bieten Süsskartoffeln für den Gemüseanbau eine interessante Diversifizierungsmöglichkeit, und sie eignen sich für den biologischen Landbau, da die meisten Krankheiten und Schädlinge, für die diese Pflanze anfällig ist, in der Schweiz nicht vorkommen. Einige Herausforderungen bleiben jedoch noch bestehen, wie z. B. die Unkrautregulierung auf dem Feld und die Verbesserung der Lagerfähigkeit, damit die Knollen ohne Qualitätsverlust mehrere Monate haltbar bleiben. Die Agrarforschung hat in den nächsten Jahren also noch viel zu tun.

Despite its name, the sweet potato is not related to the potato but belongs to the morning glory (Lat. Convolvulaceae) family of plants. © Agroscope, Carole Parodi
Anders als ihr Name vermuten lässt, ist die Süsskartoffel nicht mit der Kartoffel verwandt, sondern gehört zu der botanischen Familie der Windengewächse (Convolvulaceae).
© Agroscope, Carole Parodi