Ernte 2018 der Birne Fred® in Evionnaz und Saxon (VS) © Sedrik Nemeth

Die Birne Fred®, die Frucht von Geduld und Know-how

Die perfekte Birne gibt es: Sie kommt aus der Schweiz und heisst Fred®. Die Anfang 2018 lancierte Frucht ist das Ergebnis 18-jähriger Züchtungsarbeit der Forscherinnen und Forscher von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Im Mittelpunkt dieses Prozesses stand der Wunsch, die ideale Birne zu züchten, welche die Ansprüche von Produzenten, Handel und Konsumenten gleichermassen erfüllt.

Wer würde beim Verzehr einer neuen Birnensorte daran denken, dass diese bereits durch elf Länder getourt ist, hunderte von Degustierenden überzeugt und sich unter tausenden von Züchtungen durchgesetzt hat, bevor sie im Verkaufsregal landete? Und wer käme auf die Idee, dass diese in Minutenschnelle verzehrte Frucht das Ergebnis 18-jähriger Arbeit ist? Wohl kaum jemand. Genau so war es jedoch bei Fred®, der neuen Schweizer Birne von Agroscope.

© Michael Weber

Eine innovative Birne

Die Geschichte beginnt im Jahr 2000: Charly Rapillard, Agronom in der Forschungsanstalt Agroscope in Conthey (VS), kreuzte damals verschiedene Birnensorten, um einen Strauch zu erhalten, der resistent ist gegen Feuerbrand, eine Krankheit, die vor allem Obstbäume befällt. Darunter befand sich auch eine Kreuzung zwischen der geschmackvollen und feuerbrandresistenten kanadischen Sorte Harrow Sweet und der niederländischen Sorte Verdi, die besonders lagerfähig ist und eine attraktive rote Farbe aufweist.

Als Danilo Christen einige Jahre später die Nachfolge von Charly Rapillard antrat, war er sogleich fasziniert vom Ergebnis dieser Kreuzung zwischen Harrow Sweet und Verdi. Das relativ feste und grobe Fleisch der so gewonnenen Birne ist untypisch, aber der Forscher erkannte darin ein enormes kommerzielles Potenzial. Danilo Christen hat nämlich festgestellt, dass Konsumentinnen und Konsumenten heute knackiges Obst wollen, das nicht nur als Dessert bei Tisch gegessen, sondern wie ein Apfel mitgenommen und unterwegs verzehrt werden kann. Die Birne Fred® ist saftig, ohne jedoch zu tropfen, und dürfte damit bei den Konsumentinnen und Konsumenten punkten. Ausserdem wächst der Baum schnell, was einen raschen Produktionsbeginn ermöglicht, und liefert Früchte, die lange haltbar sind. Kurz: Fred® ist die ideale Birne, die Produzenten, Handel und Konsumenten gleichermassen zufrieden stellt.

© Agroscope Carole Parodi
© Agroscope Carole Parodi

Die Kunst der Sortenzüchtung

Zu Beginn des Auswahlverfahrens steht die Kreuzung zweier Birnensorten durch Handbestäubung. Konkret geben die Züchter die Pollen der einen Sorte mit dem Pinsel auf die Blüten der anderen Sorte auf. Im Herbst werden die Kreuzungsfrüchte geerntet und anschliessend die Kerne ausgesät. So erhalten die Agronomen Hunderte von Sträuchern, von denen jeder eine andere genetische Zusammensetzung – Genotyp genannt – aufweist. Jeder dieser Genotypen stellt eine potenzielle Sorte dar, die in den Folgejahren bewertet wird. «Kompliziert ist dabei nicht das Kreuzen, sondern die Elimination all dessen, was Ungeeignet ist», sagt Danilo Christen über die insgesamt 3000 bewerteten Genotypen.

Die Forscher brauchen deshalb Geduld, um über Jahre hinweg die Eigenschaften der neuen Bäume und ihrer Früchte zu untersuchen. Diese gigantische Aufgabe beinhaltet drei Etappen. «Die erste Frage, die man sich stellen muss, lautet: Kann der Produzent von diesen Bäumen leben?», erklärt Danilo Christen. Mit anderen Worten, die Grösse der Sträucher, die Anordnung der Seitentriebe und die Anzahl Anbaujahre bis zur ersten Obsternte werden berücksichtigt. Jede Frucht wird anschliessend auf unerwünschte Flecken und Rostbildung untersucht, und es werden Birnen von einheitlicher Grösse, schönem Aussehen und optimaler Form ausgewählt. Schliesslich kommt der Moment der Verkostung: Die Textur der Frucht wird mit einem Messer bewertet, die Feinheit und der Geschmack des Fruchtfleischs werden beurteilt und zuletzt wird die Fruchthaut separat verkostet.

Ernte 2018 der Birne Fred® in Evionnaz und Saxon (VS) © Sedrik Nemeth
Ernte 2018 der Birne Fred® in Evionnaz und Saxon (VS) © Sedrik Nemeth

Den Markt erobern

«Für eine erfolgreiche Züchtung braucht es Kompetenz, Flair und Glück», sagt Danilo Christen. Es dürfte ein Mix aus diesen drei Zutaten gewesen sein, der den Agronomen 2009 dazu bewog, auf «CH201» zu setzen, eine Kreuzung aus den Sorten Harrow Sweet und Verdi, aus der schliesslich die neue Birne hervorging und unter der Marke Fred® registriert wurde. Ein mittelstark wüchsiger Baum, eine zweifarbige Frucht, ein guter Geschmack mit ausreichend Süsse und leichter Säure: Fred® hat alles, um zu gefallen. «CH201» wurde dann zusammen mit 20 weiteren ausgewählten Genotypen in die Welt hinausgeschickt und an verschiedenen Standorten in Frankreich, Marokko und Chile getestet. «Das ist echtes Teamwork», ergänzt Danilo Christen. Agronomen, Gutachter, Baumzüchter – insgesamt 125 Partner im In- und Ausland haben ihr Wissen und Know-how geteilt, um die perfekte Birne zu kreieren.

Nach dem Markeneintrag steht Fred® nun als letzte Hürde die Vermarktung bevor. Im Land von Wilhelm Tell, wo die Konsumentinnen und Konsumenten am liebsten zum Apfel greifen, mag dies als Herausforderung erscheinen. Doch Michael Weber, Geschäftsführer bei Varicom, der Firma, die die Fruchtsorten aus dem Zuchtprogramm von Agroscope vermarktet, ist nicht beunruhigt. Er begrüsst den innovativen Charakter von Fred® angesichts des herkömmlichen Birnensortiments: Die derzeit auf dem Schweizer Markt dominierenden Sorten Beurré Bosc, Williams, Conférence und Louise Bonne sind Züchtungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. «Wir wollen kein Nischenprodukt schaffen, sondern eine Sorte, die das Potenzial hat, die Welt zu erobern», fügt Danilo Christen hinzu. Die neue Superfrucht soll ein breites Publikum überzeugen und Konsumentinnen und Konsumenten zurückgewinnen, die Birnen für «komplizierte Früchte» hielten. In die Tat umgesetzt werden soll dieses Ziel durch die Anpflanzung von mehreren hundert Hektar Bäumen, die Landwirte in Frankreich und Belgien für die nächsten Jahre bestellt haben.  Nach einem 18-jährigen Entwicklungsprozess, der viel Geduld und Know-how erforderte, hat die Schweiz ihre neue Birne, mit der sie den internationalen Markt aufrollen und Obstbauern, Grosshändler und Konsumenten begeistern will.

In der Schweiz wurden bereits 20 ha mit der Sorte bepflanzt. © Sedrik Nemeth
In der Schweiz wurden bereits 20 ha mit der Sorte bepflanzt. © Sedrik Nemeth