Paul Grueninger

Ein Polizeihauptmann, der Hunderte jüdische Flüchtlinge rettete

Der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger missachtete Weisungen, um jüdischen Flüchtlingen aus Österreich bei der Einreise in die Schweiz zu helfen. Dafür musste er hart bezahlen.

Kopf hoch, Meitli! Jetzt bist du in der freien Schweiz.

Diese Worte stammen aus dem Dokumentarfilm Grüningers Fall (1997). Eine Frau erinnert sich daran, dass sie als Kind auf der Flucht vor den Nazis bei ihrer Ankunft in der Schweiz von Polizeihauptmann Paul Grüninger mit diesen Worten empfangen wurde. Wir schreiben das Jahr 1938. Am 12. März erfolgte der «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich. Im April führte die Schweiz die Visumspflicht für österreichische Staatsangehörige ein. Unzählige Menschen versuchten damals, die Grenze zu Fuss oder schwimmend zu überqueren. In Diepoldsau (SG) wurde ein Lager eingerichtet.

Am 17. August des gleichen Jahres plädierte der St. Galler Polizeihauptmann Grüninger an der Konferenz der kantonalen Polizeidirektoren für offene Grenzen. «Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir müssen viele hereinlassen», forderte er gemäss Sitzungsprotokoll. Aber der Bundesrat beschloss am 18. August ein Einreiseverbot für alle Flüchtlinge aus Österreich.

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Refugees in the camp at Diepoldsau in August 1938
Flüchtlinge im Lager Diepoldsau im August 1938.

Paul Grüninger wurde am 27. Oktober 1891 in St. Gallen als Sohn eines katholischen Tapeziermeisters und einer protestantischen Mutter geboren und starb auch dort. Wie Carl Lutz erklärte er später, dass er aus christlicher Überzeugung gehandelt hatte und dass sein Handeln richtig war. Bevor er Polizeileutnant und 1925 Polizeihauptmann wurde, war er als Lehrer tätig und war begeisterter Fussballspieler (mit dem SC Brühl St. Gallen wurde er 1915 Schweizer Meister). Er war verheiratet und hatte zwei Töchter. Er war ein aufrichtiger, herzlicher Mensch, der von seinen Kollegen geschätzt wurde und so war wie alle anderen. Verstecken sich gerade hinter solchen Menschen wahre Helden? Während vieler Jahre gab es zahlreiche Gerüchte und Vermutungen um seine Person.

Paul Grüninger hatte bereits vor dem 18. August 1938 Flüchtlingen geholfen und tat es weiterhin, auch wenn er nun gegen das Gesetz verstiess. In der Folge arbeitete er mit einem informellen Netzwerk von Mitgliedern der sozialistischen Jugend, Wirten, Bauern und Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft, namentlich der Israelitischen Flüchtlingshilfe St. Gallen, zusammen. Er schloss die Augen vor gefälschten Visa, fälschte selber Visa, beschaffte Einreisevisa für Eltern, deren Kinder bereits in der Schweiz aufgenommen wurden, und verschickte sogar Vorladungen an Inhaftierte in Dachau in Deutschland. Die Rolle, die der SP-Regierungsrat Valentin Keel in jenen Schlüsselmonaten spielte, bleibt bis heute undurchsichtig. Er war ein bekannter Anti-Faschist, aber er setzte Paul Grüninger trotzdem ab. Gemäss Schätzungen von Stefan Keller, Journalist und Autor von Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe rettete der Polizeihauptmann um die 3000 Jüdinnen und Juden.

Verurteilung

Wahrscheinlich wurde Paul Grüninger aufgrund einer Anzeige gegen ihn beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement im Frühling 1939 seines Amtes enthoben und danach entlassen, auch eine Rente wurde ihm verweigert. 1940 wurde er vom Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. In einem Text, den er im Auftrag eines ehemaligen Klassenkameraden verfasst hatte, und von dem in der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen eine Kopie erhalten ist, schrieb er, dass er sich der Verurteilung wegen nicht schämte. «Ich bin gegenteils stolz darauf, vielen Hunderten von schwer Bedrängten das Leben gerettet zu haben.» «Wer wie ich wiederholt Gelegenheit hatte, die herzzerbrechenden Auftritte, das Zusammenbrechen der Betroffenen, das Jammern und Schreien von Müttern und Kindern, die Selbstmorddrohungen anzuhören sowie Selbstmordversuche anzusehen, der konnte schliesslich nicht mehr mittun.» Er schrieb zudem:

Es ging darum, Menschen zu retten, die vom Tod bedroht waren. Wie hätte ich mich unter diesen Umständen um bürokratische Erwägungen und Berechnungen kümmern können?

Seine Familie bezahlte einen hohen Preis, trotzdem konnte er stets auf die Unterstützung seiner Frau zählen. «Auch für sie war wichtig, dass die Flüchtlinge, die bei Nacht und Nebel kamen, in Sicherheit kamen und eine gute Unterkunft hatten», erzählte ihre Tochter Ruth Roduner 2014 dem St. Galler Tagblatt. Als ihr Vater entlassen wurde, musste sie die Ausbildung in Lausanne abbrechen und nach St. Gallen zurückkehren, um der Familie zu helfen. Nach einer Reihe von Absagen – weil man ihren Vater als Verbrecher darstellte – fand sie eine Anstellung in einer jüdischen Textilfirma. Ihr Vater lebte von Gelegenheitsjobs. Er bekam nie wieder eine Festanstellung. Seine Tochter sagte, ihr Vater habe zeitlebens beteuert, dass er jederzeit wieder so gehandelt hätte, wenn es die Situation erfordert hätte.

Rehabilitierung

Paul Grüninger starb am 22. Februar 1972. Einige Monate zuvor hatte ihn der Staat Israel als «Gerechten der Völker» ausgezeichnet. Grüningers Familie setzte sich mit dem damaligen Nationalrat und Anwalt Paul Rechsteiner für die Rehabilitierung ein. Mit der Veröffentlichung des Buchs von Stefan Keller im Jahr 1993 trat eine Wende ein. 1995 wurde das Urteil gegen Paul Grüninger aufgehoben, und die Nachkommen wurden mit einer Wiedergutmachung in der Höhe von 1,3 Millionen Franken entschädigt. Der ganze Betrag floss in die Paul Grüninger Stiftung. Seither widmeten sich mehrere Dokumentarfilme und ein Spielfilm Paul Grüninger. «Heute sind wir endlich auch in der Schweiz stolz auf ihn», meint Stefan Keller.

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Stefan Kurt als Paul Grüninger im Film «Akte Grüninger» von Alain Gsponer, 2013. © SRF/Nikkol Rot