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Das zweite Leben der Schweizer Bunker

In der ganzen Schweiz soll es über 8000 Bunker geben, zum Teil noch mit ihrer ursprünglichen Tarnung. Zu echten nationalen Kuriositäten sind diejenigen Anlagen geworden, die zu neuem Leben erweckt wurden.

Ob Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs oder der Atomkrise im Kalten Krieg, die Bunker wurden im Laufe der Jahrzehnte zu unterschiedlichen Zwecken genutzt. Nach wie vor wecken sie die Fantasie und die Neugier von kleinen Entdeckern und Touristen. Manchmal sind selbst die Anwohner überrascht, wenn sie von ihrer Existenz erfahren, so gut sind sie in die Natur oder die Stadtlandschaft eingebettet. Die Bunker sind aber nicht im Winterschlaf. In den letzten 50 Jahren hatten findige Köpfe die unterschiedlichsten Ideen für ihre Nutzung: als ungewöhnliches Felsenhotel, als Käsekeller, als Datenzentrum, als Museum oder als Pilzfarm.

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Das Höhlengleichnis – nicht ganz

Der Geograf André Ourednik sagt in der Zeitschrift Horizonte, die Schweizerinnen und Schweizer würden ihre Erinnerungen, ihre Mythen und einen Teil ihrer Identität im Untergrund aufbewahren. Man kennt die grossen alpinen Bauwerke wie den (weltweit längsten) Eisenbahntunnel durch den Gotthard, die zum Schweizer «Export-Know-how» gehören. Man kennt auch die Bedeutung des Carnotzet (ausgebauter Weinkeller) in der Westschweizer Folklore. Weniger berühmt ist dagegen das «Réduit», ein in den 1940er-Jahren entwickeltes Verteidigungsdispositiv mit Bunkern und Festungsanlagen, das die damals von den Achsenmächten umzingelte Schweiz vor einer Eroberung schützen sollte. Auch die 360’000 Atomschutzräume für die Schweizer Bevölkerung, die seit dem Kalten Krieg in allen Neubauten obligatorisch sind, sind der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt.

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Der Bunker 2.0

Die Schutzräume sind jedoch meistens leer und ungenutzt. Wegen der hohen Unterhaltskosten verkauft die Schweizer Armee nun Bunker an den Meistbietenden, ohne sich in die Umnutzung einzumischen. So werden jedes Jahr rund zwanzig Bunker ausgemustert. Ob Forscher, Philosophen, Architekten oder Künstler: Das Interesse für die spartanischen Anlagen ist gross. Auf der Suche nach ihren Spuren haben sie Bunker dokumentiert, ausgestellt, transformiert oder neu interpretiert – halb fasziniert, halb abgestossen (ein imposantes, hässliches Haus wird ja gerne «Bunker-Villa» genannt). Manche Menschen haben ein besonderes Flair für diese Betonblöcke entwickelt und können uns helfen, deren Bedeutung in unserer heutigen Gesellschaft zu verstehen:

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Der Fotojournalist Arnd Wiegmann

Arnd Wiegmann (geb. 1961), ein grosser Fan des US-amerikanischen Fotografen W. Eugene Smith, machte eine Fotolehre in Köln und wechselte später in die deutsche Nachrichtenagentur Reuters. Heute lebt er in Zürich und ist in der ganzen Schweiz unterwegs, um die zahlreichen Facetten der Schweizer Gesellschaft einzufangen. Für seine Fotos wurde er mehrmals mit dem Swiss Press Award ausgezeichnet. Weltweite Beachtung fand Wiegmann 2016 mit seiner Fotoreportage über das zweite Leben von Bunkern: vom unterirdischen Hotel La Claustra mit 17 Zimmern im Gotthardmassiv bis zur Festung Fuchsegg auf dem Furkapass, von der Pilzfarm in Erstfeld bis zur Käserei in Giswil und zum Datenzentrum in einem ehemals für 1000 Soldaten konzipierten Bunker. Damit trug er zur grossen internationalen Sichtbarkeit dieser Anlagen bei.

Claustra

Architektonische Neuinterpretationen

Die Therme Vals von Peter Zumthor ist sicher das bekannteste Bauwerk, doch gibt es im Kanton Graubünden zahlreiche weitere Gebäude mit minimalistischer Ästhetik, wie sie Bunker und andere andere brutalistische Bauten vermitteln: etwa das Atelier Bardill von Valerio Olgiati, die Chesa Futura von Lord Norman Foster, der Wellnesskomplex von Mario Botta in Arosa oder das Haus Presenhuber des Büros Fuhrimann und Hächler. Das vom Architekten Hans-Jörg Ruch herausgegebene Buch «Historic Houses in the Engadin: Architectural Interventions» (Verlag Steidl, 2006) ist heute ein Referenzwerk. In Andermatt baut das Londoner Architekturbüro Seilern in einem ehemaligen Bunker einen Konzertsaal, der an einen grösseren Immobilienkomplex angeschlossen ist. Das heisst aber nicht, dass die Schweiz das Refugium solcher Betonbauten mit ihren klaren Linien ist. Es genügt, #bunker in den sozialen Netzwerken einzugeben, um sich ein Bild vom Erfolg dieses Genres zu machen.

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Die Künstlerin Amy O’Neill mit ihren Neuinterpretationen

Im Jahr 2003 stellte die US-amerikanische Künstlerin Amy O’Neill im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst MAMCO in Genf eine Replika eines vorschriftsgemäss ausgestatteten Bunkers aus, die sie mit fluoreszierenden, psychedelischen Reflexen versah. Dadurch entstand der Eindruck, der Bunker biete angemessenen Schutz vor Nuklearunfällen und sei gleichzeitig bewohnt. Die 1971 geborene Künstlerin befasst sich vor allem mit volkstümlicher amerikanischer Kultur. Bei diesem Werk verfremdete O’Neill, die sich durch beissende Ironie auszeichnet, die Ästhetik solcher Schutzräume mit Hippie- und «Überlebenskünstler»-Attributen. Auch fünfzehn Jahre nach dieser Installation gibt es auf der ganzen Welt unzählige grosse «Katastrophenprojekte»... Als Echo auf diese Arbeit zeigte das MAMCO 2010 «Insite»: Die Fotoserie der Schweizer Künstlerin Maud Faessler (geb. 1980) über unterirdische Krankenhäuser macht ein Universum sichtbar, das zum Schutz des Menschen vor seinesgleichen konzipiert ist, wo der Mensch aber tatsächlich fehlt, schreibt Christian Bernard. Ein Universum, in dem der Mensch durch Abwesenheit glänzt – zumindest bis die Ruinen zu touristischen Attraktionen oder Produktionsorten werden.

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