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Eine Reise durch die Kinderbuch-Verlagslandschaft der Schweiz

Die Schweiz ist Gastland an der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna, weltweit die wichtigste Fachmesse für Kinder- und Jugendbücher. Zeit für einen Blick auf das vielfältige und lebendige Schweizer Kinderbuchschaffen in allen Landesteilen. Denn neben weltberühmten Titeln wie «Heidi» oder «Schellenursli» hat die Schweiz im Bereich Kinderliteratur viele weitere Werke zu bieten!

Das Besondere am Schweizer Buchmarkt ist, dass er in vier Sprachen denkt und in vier Himmelsrichtungen schaut: In der französischsprachigen Romandie nach Frankreich, im italienisch-sprachigen Tessin nach Italien, in der Deutschschweiz nach Deutschland/Österreich und im rätoromanischen Graubünden in alle Täler und Kammern des Alpenraums. Über 30 Verlage sind es, die Kinderbücher herausgeben, davon agiert etwa ein Dutzend ausschliesslich auf dem Kinderbuchmarkt. Die Verlage in den vier Kulturräumen tauschen wenig Lizenzen untereinander aus und funktionieren sehr unterschiedlich. Zusammen prägen sie jedoch eine Kinderbuchlandschaft, die blüht und gedeiht: Zirka jedes vierte in der Schweiz verkaufte Kinderbuch stammt aus einem Schweizer Verlag.

Das Kinderbuch ist für den Buchhandel in der Schweiz der stabilste Umsatzbringer und sein Anteil am Gesamtmarkt ist in den letzten Jahren kontinuierlich von 13.5 auf 17.5 Prozent angewachsen. Die drei grossen Kinderbuchverlage veröffentlichen je 30 bis 45 Kinderbücher im Jahr. Diese Blüte in den letzten zwei Jahrzehnten ist nicht zuletzt dank einer lebendigen und innovativen Illustrations-Szene, die das Illustrationsschaffen im Land auf hohem Niveau hält. Dies ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass die Hochschule Luzern einen Bachelor-Studiengang zu Illustration Fiction anbietet. 

Portrait

Reise durch die Kinderbuch-Verlagslandschaft

Machen wir im Folgenden eine kleine Reise durch die Kinderbuch-Verlagslandschaft der Schweiz. Wir starten in der Alpenregion der rätoromanischen Schweiz wo der Verlag Chasa Editura Rumantscha Kinderbücher in den fünf Idiomen des Rätoromanischen veröffentlicht: Das Programm legt den Schwerpunkt auf einheimische Märchen, in Graubünden gibt es etwa 500 davon. Die orale Kultur hat sich in den 150 Tälern des Kantons noch sehr lange erhalten. 

Tredeschin ist der 13. Sohn einer Familie und auf der Suche nach dem grossen Glück.
Tredeschin ist der 13. Sohn einer Familie und auf der Suche nach dem grossen Glück.
Tredeschin, Pia Valär, © 2014 Chasa Editura Rumantscha

 

Zwischen Bergen und Zürichsee liegt der neue Kinderbuchverlag Baeschlin in Glarus. Der junge Verlag hat mit dem Duftbuch «Geissbock Charly» einen Bestseller in der Schweiz gelandet – den Sprung über die Grenze hat die Ziege allerdings nicht geschafft. Der da bux Verlag in Buchs ist ein anderes Beispiel für eine junge Verlagsgründung mit Kinder- und Jugendbüchern: Seit 2016 erscheinen hier vier Bücher pro Jahr mit einfachen Sätzen und spannungsvollem Inhalt mit Schweizer Bezug auf sechzig Seiten. Zielgruppe sind vor allem Jugendliche, die ungeübt sind im Lesen oder die deutsche Sprache erst lernen.

Bobby, der schwarze Pudel, muss dringend zum Friseur. Aber sich zu überwinden, ist gar nicht so einfach!
Bobby, der schwarze Pudel, muss dringend zum Friseur. Aber sich zu überwinden, ist gar nicht so einfach!
Einmal Haare schneiden bitte, Autorin: Dana Grigorcea, Illustratorin: Anna Luchs, © 2018 Baeschlin

 

Von den Bergen geht es an den Rhein, der in die Welt hinausführt: Der 1990 gegründete Kinderbuchverlag Baobab in Basel bringt Bilder- und Geschichtenwelt aus Asien, Afrika und Lateinamerika in den deutschsprachigen Raum. Seine Grundidee: Bilderbücher sollen den Kindern nicht nur von anderen Ländern erzählen, sondern direkt aus diesen Ländern stammen. Am Anfang wurden dafür Lizenzen eingekauft, heute machen etwa die Hälfte des Programms Erstveröffentlichungen aus. Zum Vermittlungsgedanken gehört auch, dass die Illustratoren aus Tansania, dem Iran oder Georgien in die Schweiz eingeladen werden, um mit den Kindern direkt zu diskutieren und ihre Bücher vorzustellen. 

In einer Stunde ist man mit dem Zug von Basel in Zürich. Hier hat der 1961 gegründete und umsatzstärkste NordSüd Verlag seinen Sitz. Seine berühmtesten Stars sind «Der Regenbogenfisch» mit weltweit über 30 Millionen verkauften Büchern oder «Der Kleine Eisbär» mit rund 8 Millionen. Der Orell Füssli Verlag in Zürich versammelt verschiedene Programme unter seinem Dach, darunter Atlantis, den fast 90-jährigen Traditionsverlag.

Bilderbuch Geh weg Herr Berg
Der Berg ist schon sehr alt, er hat vieles gesehen. Eigentlich kann ihn nichts aus der Ruhe bringen, dann lernt er Lily kennen.
Copyright: Geh weg, Herr Berg!, Francesca Sanna, © 2018 Atlantis Verlag

 

Auch der Globi Verlag ist bei seinem Namen geblieben und wird als Imprint geführt: Hier erscheinen jährlich Bildergeschichten mit «Globi», einer 1932 geschaffenen Figur mit gelbem Schnabel, Beret und karierter Hose. «Globi» ist ein wahres Schweizer Phänomen, bis heute wurden über 12 Millionen Bücher und Non Books verkauft, und das zu 95 Prozent in der deutschsprachigen Schweiz.

Der Zeichner Robert Lips kreierte 1932 den blauen Papageimenschen für die Schweizer Warenhauskette Globus als Werbeträger für Kinder.
Der Zeichner Robert Lips kreierte 1932 den blauen Papageimenschen für die Schweizer Warenhauskette Globus als Werbeträger für Kinder.
© Globi Verlag, Zürich 

 

Nebst den grossen Verlagen behaupten sich hier auch kleinere Kinderbuchverlage wie Aracari oder Midas mit einem Kinderbuchprogramm. In Zürich stösst man zudem auf eine Verlags-Besonderheit, wie es sie nur in der Schweiz gibt: Den SJW-Verlag («Schweizerisches Jugendschriftenwerk»). Er wurde 1931 gegründet und gibt 30 Hefte pro Jahr in den vier Landessprachen sowie in Englisch mit Texten Schweizer Autoren heraus. Die Illustrationen stammen von Schweizer Künstlern, auch viele Nachwuchstalente erhalten hier eine Plattform.   

La Joie de lire!

Die Westschweiz stand lange im Schatten des grossen Nachbarn Frankreich. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. In Genf angesiedelt ist der Verlag La Joie de lire, der vor dreissig Jahren aus einer Kinderbuchhandlung erwuchs. International besonders bekannt sind seine Illustratorinnen Albertine und Adrienne Barman. Daneben gibt es die Editions Notari mit einem Kinderbuchprogramm oder in Nyon die Editions Limonade. Der neu gegründete Kinderbuchverlag Helvetiq mit Verlagssitz in Lausanne sowie in Basel geht damit neue Wege indem er sämtliche Bücher in Deutsch und Französisch veröffentlicht und derzeit ein Vertriebsnetz sowohl in Frankreich als auch in Deutschland aufbaut.

Copyright : Dans mon corps, Mirjana Farkas, © 2018  Éditions La Joie de lire
Der menschliche Körper ist eine erstaunliche Maschine, die nicht immer leicht zu verstehen ist.
 Dans mon corps, Mirjana Farkas, © 2018  Éditions La Joie de lire

 

Die Fahrt durch den Gotthardtunnel führt zu Palmen, Promenaden und zum ersten spezialisierten Tessiner Kinderbuchverlag Marameo. Mit der Neugründung sollen Bilderbücher für den italienischsprachigen Teil der Schweiz gefördert werden, die in der Schweiz beliebt, aber von italienischen Verlagen nicht verlegt sind. Gleichzeitig soll für Schweizer Bücher eine Nische in Italien geschaffen werden.

Copyright: A come... Grande alfabeto illustrato, Autor Roberto Piumini, Illustratorin: Paloma Canonica, © Marameo
Das Alphabet begleitet von 26 Kinderreimen.
A come... Grande alfabeto illustrato, Autor Roberto Piumini, Illustratorin: Paloma Canonica, © Marameo

Alte Bekannte

Der berühmteste Kinderbuch-Charakter der Schweiz ist «Heidi». Die Figur wurde 1880 von der Zürcher Autorin Johanna Spyri geschaffen und steht fast symbolhaft für die Verbindung von Kleinräumigkeit und Internationalität der Schweiz. «Heidi» reist von den Bergen in die Grossstadt Frankfurt, wo sie lesen und die Welt der Bücher lieben lernt, um danach wieder in die Berge zurückzukehren. Dabei ist «Heidi» so etwas wie die schüchterne Verwandte von «Pippi Langstrumpf»: Ein Kind, das sich nicht widerstandslos in die Normen der Gutbürgerlichkeit einfügen kann. Die Gesamtauflage der vielen Heidi-Ausgaben beläuft sich weltweit auf geschätzt 50 Millionen (Pippi Langstrumpf: rund 66 Millionen.)

Alle Welt kennt Heidi, das Mädchen aus den Schweizer Alpen.
Alle Welt kennt Heidi, das Mädchen aus den Schweizer Alpen.
© Pro Helvetia

 

Die zweite literarische Kinderbuchfigur der Schweiz, die Weltruhm erlangt hat, lebt ebenfalls in den Bündner Bergen und ist ein Bauernbub: Der «Schellenursli» (1945), der durch Nacht und Schnee die grösste Glocke holt für den Kinderumzug um den Dorfbrunnen. Sein Schöpfer Alois Carigiet hat 1966 als erster Illustrator überhaupt die Hans Christian Andersen Medaille erhalten. Die Bergwelt als Sehnsuchtsort ist aus internationaler Sicht für das Schweizer Kinderbuch klassisch.

Schellenursli, der Bauernbub aus den Bündner Bergen hat Weltruhm erlangt
Schellenursli, der Bauernbub aus den Bündner Bergen hat Weltruhm erlangt. 
© Pro Helvetia

 

Mehr Informationen zum Auftritt der Schweiz als Gastland an der Internationalen Kinderbuchmesse von Bologna: Pro Helvetia